Zugegeben, das Thema scheint jetzt etwas weit hergeholt sein, aber die Frage ist für mich gerade von ganz praktischer und nicht unbedeutender Relevanz.

Vielleicht bin ich da gerade auch etwas zu konsequent in meinem Denken, aber von Vorn:

Ich schreib ja nunmal gerad an meiner Diplomarbeit und nächsten Mittwoch ist Abgabetermin. Im Wesentlichen war ich mit der Arbeit vor etwa einem Monat fertig. Hab ich gedacht. Noch ein paar Feinschliffe hier und da, vielleicht auch nochmal was umschreiben, und dann halt noch die Form in Ordnung bringen und die ganzen Kleinichkeiten. Dachte ich, und hab das meinem Chef vorgelegt, und war in den beiden darauffolgenden Wochen auch zwei mal bei meinem Prof und es sind noch ein paar Unklarheiten aufgetaucht. Im Prinzip zu knappe und/oder unklare Erklärungen, meine Gramatik wurde in der Art kritisiert, dass ich zu lange Sätze schreibe, und generell schien alles ein wenig unübersichtlich. Bis auf den letzten Punkt alles kein Problem. Eine neue Struktur hab ich mir dann auch überlegt, dann aber verworfen. Es ist halt ein Komplexes Thema. Mein Chef (und auch Betreuer von seiten der Firma) hatte sie auch gelesen und den Inhalt für gut befunden, lediglich an den Formulierungen müsse man noch ein wenig feilen.

Zeit sich damit intensiver zu beschäftigen hatte er dann aber erst letzten Sonntag. In Folge dessen haben wir uns damit ausgibig beschäftigt. Nun muss man sagen, dass er 70 Jahre als ist, und echt fit und umfassend gebildet. War Lektor für internationale Fachzeitschriften und hat in meinen Augen wissenschaftlich echt was geleistet. Was mich jedoch etwas gestört hat, war die Tatsache, dass er im Wesentlichen nicht nur kritisiert hat, sondern seine eigenen Vorstellungen auch im Detail umgesetzt hat. Also auch was Satzbau und Wortwahl anging. Ein wenig hat mich der Gedanke beruhigt, dass wir auf die Art nicht weiter machen können, und er schon von alleine dazu übergehen wird, den Text nicht mehr selbst zu verfassen und wohlmöglich nur noch grobe Kritik zu äußern. Am Mittwoch jedoch kam das erste mal die Frage auf, ob man eine Fristverlängerung beantragen könne, und ich solle mir das mal überlegen. Dies habe ich getan. Mit dem Ergebnis, dass ich pünklich abgeben will. Auch bin ich davon abgewichen das ganze Montag in den Druck zu geben, so dass ich tatsächlich bis Dienstag an der Arbeit werkeln kann. Daraufhin hat er mir erklärt, dass es ihm unter diesen Umständen nicht möglich wäre die ganze Arbeit durchzuarbeiten. Dies entsprach nicht meinen Erwartungen, aber damit hätte ich leben müssen und können.

An dieser Stelle sei bemerkt, dass mir sehrwohl bewusst war, das mein Chef diese Arbeit als etwas ansieht das seine Firma verlässt, und als solches von hoher Qualität zeugen soll. Und demnach auf wollte, das ich einen Zeitaufschub beantrage. Und er hätte dies auch auf seine Kappe genommen. Er hat mir jedoch auch zuverstehen gegeben, dass es meine Entscheidung sei. Und ich wollte nicht verlängern. Zum einen, damit meine Arbeit dies zumindest zum Teil bleibt, und zum anderen, da ich keine wirkliche Rechtfertigung für mehr Zeit gesehen habe. Dass ich nicht weiß, was mein Prof davon hält, und wie sich das eventuell auf die Benotung auswirkt, hat vermutlich keine große Rolle bei meinen Überlegungen gespielt. Seine Zustimmung, die auch nötig ist, werden wir vermutlich bekommen.

Auf meine letzte Mail, in der ich noch einmal gesagt habe, dass ich mich gegen eine Verlängerung entscheide, kam folgende Antwort:

ich kann da wenig machen und möchte deshalb meine Betreuung an der Arbeit nicht erwähnt haben, wenn wir bis zum Termin keine andere Lösung finden.

Mehr möchte ich dazu jetzt nicht sagen. Es ist wirklich bedauerlich!

Das hat mich dann etwas vom Hocker gehauen. Und da ich mir nicht einfach einen neuen Betreuer suchen kann, werde ich natürlich versuchen mich am Montag mit meinem Prof in Verbindung zu setzen und eine Verlängerung zu beantragen. Hier mal noch meine Antwort:

Sehr geehrter Herr Schulz,
zu aller erst möchte ich ihnen noch einmal sagen, dass ihr sehr dankbar bin, dass sie mich in diesem Maße bei meiner Arbeit unterstützen und viel Zeit darin investieren. Viele ihrer Kritiken sind berechtig und sicher ist es auch mein Versäumnis, dass wir erst vor 4 Wochen begonnen haben am konkreten Text zu arbeiten.
Da ich nicht in der Lage bin mir einen neuen Betreuer zu suchen, und das eigentlich auch nicht will, werde ich am Montag versuchen eine Fristverlängerung um zwei Wochen zu beantragen!
Ich möchte die Sache damit aber auch nicht einfach auf sich beruhen lassen und will ich mich im Folgenden noch einmal erklären, was ich vielleicht auch früher noch klarer hätte tun sollen. Wobei sie es einem auch nicht unbedingt leicht machen und ich dachte, dass sie meine Entscheidung vielleich nicht für gut heißen, aber dennoch verstehen.
Zwei wesentliche Gründe haben mich dazu bewegt die Arbeit nicht verlängern zu wollen.
Zum einen ist eine Diplomarbeit zwar eine wissenschaftliche Arbeit, die als solche gewissen Ansprüchen unterliegt, sie ist aber trotz alledem auch eine Prüfungsleistung, die Ausdruck der Fähigkeiten des Studenten sein soll und muss. Die Diplomarbeit stellt das Ende einer studentischen Laufbahn dar und soll als solche die im Studium erlangten Fähigkeiten wiederspiegeln. Daher sehe ich es weder als ihre Pflicht, noch als ihre Aufgabe an, diese Arbeit bis ins Detail zu perfektionieren. Zumal ich nicht weiß in wie weit das Resultat noch meine Arbeit darstellt und ich mich bei dieser Art des Betrugs, denn das ist es genau genommen, merklich unwohl fühle.
Zum anderen sehe ich in meinen Augen keine ausreichende Rechtfertigung für das verlegen des Abgabetermins. Denn auch dieser gibt einen Rahmen vor, innerhalb dessen ich als Student in der Lage sein muss ein gegebenes Thema zu bearbeiten. Und wenn meine Diplomarbeit den Maßstäben nicht gerecht wird, die an einen Studenten gestellt werden, dann ist dies mein Stand und vermutlich auch ein Versäumnis der Universität, aber wohl kaum ihre Schuld.
Ich möchte noch einmal sagen, dass ich sehr dankbar für sie als Betreuer bin und mir ist bewusst, dass viele Studenten überglücklich mit ihnen wären, meine Mittbewohner mich für zu moralisch und in dieser Hinsicht ziemlich bescheuert halten, und dass das von ihnen praktizierte Vorgehen vielleicht auch ein durchaus akzeptiertes ist.
Ich verstehe ihren Standpunkt vollkommen, bitte sie aber zumindest Akzeptanz meiner Sichtweise.
Ich bedaure dies nicht eher in der Form ausgedrückt zu haben und hoffe das wir diese Arbeit zu einem für beide Seiten zufriedenstellenden Ende führen können.
Ein schönes Wochenende!

Daher meine Frage: Ist meine Sichtweise antiquiert und/oder Utopisch, oder ist es Rechtfertigung genug von der moralischen Korrektheit des eigenen Handelns überzeugt zu sein?

Ich hab mir da ohnehin schon die ganze Woche das Hirn drüber zermartert, und bin ich mir echt nicht mehr sicher. Sowohl was meine moralischen Standards betrifft, als auch was die Beziehung zwischen meinem Chef und mir angeht…

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