Da ich nun einmal beruflich ein wenig damit zu tun habe, und Radioaktivität für viele Menschen und offensichtlich auch unsere Medienwelt etwas äußerst unverständlich Schlechtes ist, möchte ich dazu mal ein paar Dinge klarstellen.

1. Das Hauptproblem der Radioaktivität ist vermutlich nicht, dass sie so schädlich ist, sondern, dass sie so schwer zu verstehen ist. Sie ist nicht wirklich greifbar und eigentlich nur wissenschaftlich halbwegs verständlich. Darüber hinaus gibt es keine verlässlichen Angaben über die tatsächliche Schädlichkeit radioaktiver Strahlung. Dabei muss man zwischen zwei Teilaspekten unterscheiden. Der eine ist die Physikalische Aspekt. Das Verständnis der Radioaktivität in ihren Eigenarten als besonders energiereiche elektromagnetische Welle und verschiedenen Teilchen und damit verschiedenen Strahlungsarten. Dies ist für den Leien nicht leicht zu verstehen. Allerdings ist es auch bei weitem nicht so kompliziert wie zum Beispiel die Quantenmechanik. Der zweite Aspekt ist die medizinische Betrachtung und Bewertung der Gefahren die von radioaktiver Strahlung ausgehen. Srahlt genug radioaktive Strahlung auf den Körper ein, kommt es zu Verbrennungen. Das ist der Grund für die direkten Opfer der Atombombenabwürfe in Japan und auch für die ersten etwa 60 Toten in Tschernobyl. Dies ist wissenschaftlich leicht zu verstehen, und auch relativ unbestritten. Problematisch wir es, wenn man nur geringe Mengen radioaktiver Strahlung betrachtet. Dann kann es zu keinen Verbrennungen kommen, jedoch wird durch Radioaktivität die DNA beschädigt. Oder besser gesagt, sie kann beschädigt werden. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine definierte Menge (und Energie) radioaktiver Strahlung die DNA schädigt, ist immer gleich. Und wenn ich die Menge verzehnfache, verzehnfache ich eben auch das Risiko eines Genschadens. Das Problem besteht im Wesentlichen darin, dass es einer sehr großen Menge Strahlung bedarf, bis einmal ein relevanter DNA-Schaden entsteht. Das liegt zum einen daran, dass der Körper DNA-Schäden verschiedenster Art reparieren kann, und zum anderen daran, dass ein DNA-Schaden häufig keine relevanten Einfluss auf den Organismus hat. Und bei diesen vielen Unsicherheitsfaktoren ist eine Bewertung sehr schwierig. Das kann man sich vielleicht so vorstellen, als wenn man von 1000 Menschen ein Morsesignal bekommt, von denen 999 nur wild auf der Taste rumhämmern und einer versucht tatsächlich etwas mitzuteilen. Da kann man Computer mit so viel Statistik füttern, wie man will, ein zuverlässiges Ergebnis erhält man nicht, Zumal Krebs ja nicht nur von Radioaktivität verursacht wird.

2. Des weiteren sollte man zwischen natürlicher und künstlicher Radioaktivität unterscheiden. Denn Radioaktivität gibt es überall. Das Weltall straht verschiedenste Partikel auf die Erde , welche vorrangig  mit Atomen in der Atmosphäre reagieren und dabei andere Atome bilden, die zum Teil radioaktiv sind. Darauf basiert zum Beispiel die Radiokarbonmethode, bei der man ausnutzt, dass das Verhältnis von radioaktivem zu nicht radioaktivem Kohlenstoff in der Atmosphäre immer relativ gleich ist, wohingegen die radioaktiven Anteile in abgestorbenen Pflanzen und Tieren allmählich abnehmen. Daher gibt es im Menschlichen Körper 3000-20000 Zerfälle pro Sekunde. Die andern beiden großen Quellen von Radioaktivität sind Vulkanausbrüche (da radioaktive Stoffe, die noch von der Entstehung der Erde her stammen, sehr schwer sind, kommen sie im Erdinneren gehäuft vor) und das Radon (radioaktives Edelgas, welches in allen Zerfallsketten vorkommt), welches überall in der Welt aus dem Boden aufsteigt. Die durch diese Quellen entstehende Radioaktivität ist nur bedingt vermeidbar und macht den größten Teil der radioaktiven Strahlung aus, und ist daher auch für die meisten Krebsfälle verantwortlich (Was das oben erwähnte Problem der statistischen Auswertung noch vergrößert). Eine weitere bedeutende Quelle ist zwar natürlich, jedoch setzen wir uns ihr nicht natürlich aus, bzw. nicht in relevanten Mengen. Es handelt sich um die oben bereits angesprochene Kosmische Strahlung, die auf den Menschen immer einwirkt, aber besonders bei Flügen oder in großen Höhen eine bedeutende Rolle spielt. So wird die Dosis bei Piloten etwa um den Faktor 5 gegenüber der natürlichen Radioaktivität erhöht, der Faktor bei Astronauten liegt bei mehreren Hundert.

3. Auch die künstliche Radioaktivität lässt sich weiter aufteilen. Die präsentesten Quellen in den Medien sind wohl die Atomkraftwerke. Diese machen aber im Vergleich zur natürlichen Radioaktivität nur etwa 1-5 % aus. Rauchen ist da deutlich effektiver. Die bedeutendste Quelle radioaktiver Strahlung ist jedoch mit Abstand die medizinische Anwendung, die über 90 % der künstlichen Radioaktivität ausmacht.

Eine schöne Übersicht über weitere künstliche und natürliche Quellen sowie verwendete Einheiten gibt es bei der Uni-Bonn.

4. Ein wesentliches Problem in der Bewertung der Gefahren durch Radioaktivität sehe ich in der Verhältnismäßigkeit. Ich bin kein großer Freund unserer Kernkraftwerke, aber selbst wenn man die Gefahren z.B. durch Unglücke in Kernkraftwerken als hoch einschätzt, gibt es weitaus größere Probleme, die sich wesentlich leichter lösen ließen. So gibt es z.B., um beim Thema Radioaktivität zu bleiben, im Irak Krankenhäuser, in denen jedes zweite Kind missgebildet zur Welt kommt. Ursache ist der Einsatz von abgereichertem Uran als Munition. Allein was durch den Einsatz solcher Munition der Wind nach Europa treibt, ist hier schädlicher als der Niederschlag, der uns aus Fukoshima erreicht, ob nun durch die Luft, oder durch Lebensmittel. Von den Folgen für den Irak und andere Länder ganz zu schweigen.

 

Nur weil Radioaktivität unsichtbar und schwer zu verstehen ist, ist sie noch lange nicht schädlicher als Rauchen, Alkohol und andere Drogen, von dem Hunger und den Kriegen in der Welt mal ganz zu schweigen…

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