In der folgenden Nacht kam Tharaostra kaum zur Ruhe. Bei Sonnenaufgang jedoch trat er ins Freie und sog die Sonnenstrahlen in sich auf. Und gleich dem Wasser, das die Säure von der Haut wäscht, spülte die Sonne alle Bedenken hinfort und machte Tharaostras Geist frei und rein.

So ging er denn wieder in die Welt um Menschen zu begegnen die ihm zuhören würden und die mit ihm die Welt zu heilen in der Lage waren. Und so traf er denn wieder auf Menschen die ihm aufrichtig und gut für die Welt erschienen.

 

„Höre uns an Tharaostra, du bist ein weiser Mensch und wirst die Wahrheit in unseren Worten erkennen.

Die Welt ist zu groß, als das sie ein Mensch verstehen könnte. Selbst einzelne Teile der Welt sind für einen Menschen zu komplex um sie alleine zu verstehen.

Daher haben wir uns gefunden um die Entscheidungen für sie zu treffen. Wir machen uns Gedanken und fassen unser Wissen zusammen um es den Menschen zu präsentieren und ihnen die Möglichkeiten zu offenbaren, auf das sie wählen mögen und uns sagen, was sie wollen. Und daraufhin unternehmen wir alles in unserer Macht stehende um ihren Willen umzusetzen, auf das es den Menschen gut ergehe und wir ihre Sorgen auf uns nehmen.“

 

„Aber sollten nicht die Menschen nachvollziehen können, woher ihr euer Wissen habt, und wie ihr es auswertet und zusammenfasst? Sollte der Mensch nicht verstehen können, was ihr macht und wie ihr es macht? Wie können die Menschen wissen was das Beste für sie ist, wenn sie nicht verstehen, wie die Welt funktioniert? Könnt ihr nicht ab dem Moment, wo der Mensch nicht mehr versteht wie die Dinge sich zueinander verhalten, sagen was ihr wollt?“

 

„Wir sind doch auch Menschen! Wir handeln doch schon deshalb in ihrem Interesse, weil wir in unserem Interesse handeln. Niemand schneidet sich ins eigene Fleisch!“

 

„Das ist wahr. Aber ihr seit nicht alle Menschen, und ihr seit nicht jeder Mensch! Nur wenige sind in der Lage die Welt oder ihre komplexen Teile zu verstehen. Es darf zwar jeder bei euch mitwirken, aber nicht jeder vermag dies auch zu tun. Die meisten Menschen müssen arbeiten und haben kaum die Zeit sich ausreichend mit dem zu beschäftigen was ihr ihnen an Informationen vorwerft, geschweige denn sich mit den großen Zusammenhängen zu beschäftigen. Wer auf einem Gebiet wirklich alles Verstehen will, der kann auf keinem anderen arbeiten. Ebenso wie ein guter Tischlermeister nicht nebenbei ein vernünftiger Wirtschaftsberater sein kann. Ihr seit wie eine eigene Gesellschaft, und nichts hindert euch daran wie Wölfe über die Schafe herzufallen.“

 

„Selbst wenn wir Wölfe unter Schafen wären. Auch ein Wolf kann nicht alle Schafe reißen, da er dann nichts mehr zu fressen hätte. Also ist das Wohl der Schafe als Ganzes doch auch an sein Wohl geknüpft. Nur wenn sich die Zahl der Schafe erhöht, können davon mehr Wölfe leben. Und so müssen auch wir das Wohl der Menschen mehren um unser Wohl zu mehren, egal ob wir wie die anderen Menschen sind oder eben neben ihnen stehen.“

 

„Das ist wiederum wahr, aber auch hier muss ich widersprechen. Euer Wohl und das unsere ist zwar miteinander verbunden, aber im Moment sind wir wie Millionen satter Schafe unter wenigen Wölfen. Und die Wölfe können unter uns wüten, wenn sie es nur wollen, ohne dass sie Gefahr laufen sich dauerhaft zu schaden. Ihr habt die Macht uns zu versklaven ohne das wir es bemerken.

Dazu kommt, dass es nicht nur schwarze Wölfe und schneeweiße Schafe gibt. Es gibt auch schwarze Schafe oder weiße Wölfe. Und einige von ihnen haben so viel Macht angesammelt, dass sie euch wie Marionetten dirigieren können, dass sie euer Wissen für euch sichtbar oder unsichtbar beeinflussen, und dass sie letztendlich die vielen Menschen versklaven können in dem sie euch Wenige besser stellen und über euch uns beherrschen.“

 

„Aber wir haben keine andere Wahl. Schafe brauchen einen Hirten der sie leitet. Ob dieser Hirte nun ein Schaf ist, oder nicht!“

 

„Ist dies wirklich so? Brauchen Schafe einen Hirten, oder brauchen Hirten die Schafe?

Wenn es keine natürlichen Feinde für die Schafe gibt, bedarf es nicht einmal mehr Hirtenhunden. Der Einzige Grund warum Schafe einen Hirten brauchen ist der, dass man sie dazu erzogen hat. Nur Zwang und Indoktrinierung lassen die Schafe einen Hirten haben, nichts sonst.

Aber die Menschen sind keine Schafe! Viele unter ihnen haben Verstand und Gewissen. Und ihr, die ihr zu den schwarzen oder weißen Wölfen zu gehören scheint, werdet es nie schaffen alle Menschen zu kontrollieren, zu manipulieren und zu versklaven. Und solltet ihr es doch einmal fertig bringen alle Menschen bereitwillig unter euer Joch zu bringen, dann hätten die Menschen es verdient unterjocht zu werden. Doch bedenkt: Gewaltsam wird sich nie dauerhaft eine Gruppe über eine viel größere Gruppe hinwegsetzen können!“

 

Als Tharaostra dies gesprochen hatte, entgegnete ihm keiner etwas, denn in ihrem Inneren wussten sie, dass er Recht hatte. Doch kaum einer unter ihnen erkannten wirklich, dass sie nicht im Sinne der Menschen handelten, wenn sie dies auch zum Teil wollten.

Und Tharaostra verließ auch diese Menschen mit trüben Gedanken und einem aufgewühlten Inneren. Und es quälte ihn die Frage, wie Schafe zu Wölfen werden können, und ob sie wirklich ohne Schäfer auskommen und sich entwickeln können.

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